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Strategietypen bei Pflanzen: Von Schnellstartern, Platzhirschen und Standortspezialisten …

Bild BGL

Die Natur mag uns Menschen sehr idyllisch und friedlich vorkommen – tatsächlich ist sie aber ein tagtäglicher Kampf um Platz und Ressourcen. Selbst all die schönen Pflanzen, die für unseren Blick so gelassen und entspannt wirken, befinden sich von Beginn an in einem Wettstreit mit ihren grünen Mitbewohnern.

Es heisst, sich einen Standort zu erobern, ausreichend Wasser und Nahrung abzugreifen, für Nachwuchs zu sorgen … Um sich hier gegen ihre Konkurrenz durchzusetzen, hat die Flora weltweit verschiedene spannende Strategien entwickelt. Manche setzen erfolgreich auf Schnelligkeit. Sie besiedeln in Windeseile freie Flächen, bevor andere Arten überhaupt auf der Bildfläche erscheinen. Andere gehen in die Konfrontation und beweisen gegenüber schwächeren Gewächsen ihre Stärke. Und dann gibt es noch Gewächse, die eher auf Konfliktvermeidung setzen und sich Lebensbereiche suchen, in denen es so schwierige Bedingungen gibt, dass die Konkurrenz überschaubar ist. 

Bild BGL: Nur, wenn die richtigen Pflanzen am richtigen Standort stehen, mit den richtigen Arten kombiniert werden und auch auf die richtige Weise gepflegt werden ist das Ergebnis auch auf lange Sicht wie geplant und gewünscht.

Wer schnell ist, hat die Blüte vorn

Betrachten wir erst einmal die Schnellstarter. Diese werden in der Fachsprache als Pionier- oder Ruderalvegetation bezeichnet. Sie siedeln sich in erster Linie auf erst kürzlich entstandenen offenen Böden an. Das können Brachen sein, Flächen nach einem Erdrutsch oder auch neu angelegte Gärten mit frisch ausgebrachtem Mutterboden. An solchen Orten erscheinen sie meist als die Ersten und breiten sich angesichts der fehlenden Konkurrenz enorm schnell aus. Ihr Ziel: schnell Fuss fassen beziehungsweise Wurzel schlagen, bevor die deutlich dominanteren Arten das Revier einnehmen. Diese Sprinter sind zumeist sehr kurzlebige Stauden sowie Zwei- und Einjährige. Bekannte Beispiele sind die Vogel-Miere (Stellaria media), das Nelken-Leimkraut (Silene armeria) oder die Aufrechte Nachtkerze (Oenothera stricta). In der Regel bleiben sie durch Selbstaussaat so lange im Beet, wie sie freie Stellen finden. Zumeist ist das der Fall, bis die Platzhirsche das Zepter übernehmen. Im Garten werden diese Schnellstarter eher selten bewusst gepflanzt, sondern sie erscheinen wie von Geisterhand auf der Fläche – aus diesem Grund bezeichnet man sie auch als „Spontanvegetation“. Sie müssen dabei nicht problematisch sein, professionell begleitet können sie gerade in frisch angelegten Beeten auch gezielt dafür sorgen, dass der Boden zwischen den frisch gesetzten Stauden nicht offenliegt, sondern durch ihr Laub bedeckt ist und dadurch weniger austrocknet. Oft verschwinden sie auf Dauer sowieso wieder, da stärkere Pflanzen übernehmen.

Bild BGL: Die Standortspezialisten sind die hartgesottenen Einsiedler unter den Pflanzen. Sie leben dort, wo andere sofort das Handtuch werfen würden.

Sie kommen, dominieren, bleiben

Die Platzhirsche unter den Pflanzen wollen auf lange Sicht dominieren und in den Beeten den Ton angeben. Hierfür setzen sie auf rasches Wachstum und eine lange Lebensdauer. Man könnte sie auch die Egoisten im Garten bzw. Beet nennen, und diese Eigenschaft kann durchaus ein Vorteil sein. Denn wählt man für eine Rabatte hauptsächlich Platzhirsche aus, zeigt sich die Pflanzung viele Jahre entsprechend der ursprünglichen Planung – keine spontane Selbstaussaat, dennoch dichte Beete, in denen sich die starken Arten gegenseitig in Schach halten. Dafür brauchen sie jedoch normalen bis guten Boden und wenig Störung. Schöne Vertreter dieser dominanten Gruppe sind zum Beispiel die Stauden Purpur-Dost (Eupatorium purpureum), Weidenblättrige Sonnenblume (Helianthus salicifolius) und Kandelaberehrenpreis (Veronicastrum virginicum). Ebenso stark und verdrängend präsentieren sich verschiedene Ziergräser wie das Garten-Reitgras (Calamagrostis acutiflora) oder der imposante Chinaschilf (Miscanthus sinensis). „Ganz ohne Pflege würde allerdings das Gesamtbild auf Dauer leiden“, weiss Uschi App vom Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e. V. (BGL). „Diese wuchsfreudigen und langlebigen Arten brauchen zwar nur wenig gärtnerische Zuwendung, aber es lohnt sich, hier hin und wieder pflegend einzugreifen.“

Bild BGL: Die Mischung machts: Einjährige und Zweijährige bunt vereint zu einem Prunkbeet für einen starken Sommereindruck.

Wenn’s stressig wird, sind sie da

Die Standortspezialisten sind die hartgesottenen Einsiedler unter den Pflanzen. Sie leben dort, wo andere sofort das Handtuch werfen würden. Auf Felsen, in Mooren, unter alten Bäumen, Hitze, monatelange Trockenheit, Nährstoffarmut … sie kommen mit den widrigsten Umständen zurecht – aber natürlich nicht überall, sondern genau an dem Ort, an den sie sich durch Spezialisierung angepasst haben. „Man muss schon wissen, was sie brauchen, damit man auf lange Sicht Freude an ihnen hat“, betont Uschi App vom BGL. Das Sortiment der Spezialisten ist umfangreich und hat gerade für die schwierigen Standorte im Garten einiges zu bieten: Ob nun die Fugen der Trockenmauer bepflanzt werden sollen, die Baumscheibe begrünt oder der feuchte Uferbereich rund um einen Schwimmteich – die Standort-Strategen sind die beste Wahl, denn sie haben von alpinen Stauden wie der Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris) oder verschiedenen Thymian-Arten (Thymus) bis hin zu Moor- und Schattenpflanzen wie kleinwüchsige Seggen (Carex) alles zu bieten. 

Bild BGL: Die Platzhirsche unter den Pflanzen, z.B. verschiedene Ziergräser, wollen auf lange Sicht dominieren und in den Beeten den Ton angeben. Hierfür setzen sie auf rasches Wachstum und eine lange Lebensdauer.

Die Mischung macht’s

Wer jetzt glaubt, die Pflanzenwelt sei eine akkurate Kommode mit drei verschiedenen Schubladen für je drei verschiedene Strategietypen, irrt gewaltig. Das wäre zwar einfach, aber für die Vielfältigkeit dieser Welt nicht ausreichend. Schliesslich gibt es noch viele weitere Pflanzentypen, die sich zwischen diesen drei Varianten einordnen lassen. Einige kombinieren die Schnelligkeit der Sprinter mit der Dominanz der Platzhirsche, andere sind eher als dominante Spezialisten zu bezeichnen und wieder andere kombinieren alle drei Strategien in abgeschwächter Form. „Hier ist Pflanzenwissen gefragt!“, betont Uschi App vom BGL. „Denn nur, wenn die richtigen Pflanzen am richtigen Standort stehen, mit den richtigen Arten kombiniert werden und auch auf die richtige Weise gepflegt werden – also geschnitten, geteilt, deren Selbstaussaat reglementiert wird und vieles mehr – ist das Ergebnis auch auf lange Sicht wie geplant und gewünscht.“ Weitere Informationen zu Pflanzen und Beetgestaltungen sowie eine Liste mit Garten- und Landschaftsbaubetrieben in der Nähe gibt es auf www.mein-traumgarten.de.

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